Via Jacobi 2019 II-4: Em-O-Be dank Haxenweh

Heute war die Strecke von Gruyère nach Allières eingeplant. Nicht eingeplant hatte ich hingegen einen schmerzhaften Knöchel. Doch warum selbst bewegen, wenn es Züge gibt? Als „Plan B“ fuhren wir mit der MOB spazieren und nebenbei wurde Luis als Fotomodell entdeckt.

Offenlegung: Aus technischen und medizinischen Gründen wurde dieser Beitrag knapp 2 Monate später verfasst und auf das Originaldatum zurückdatiert.

Rückblick

Gestern, nach der Callier-Fabrik: Ich musste mit einem kurzen Sprint aus dem Gefahrenbereich eines blindlings rückwärts rangierenden Tiefladers flüchten — doch mit verdächtig lautem Knacksen legte mein rechter Knöchel stark schmerzenden Protest ein. Spontan joggen mit 10+ Kilo im Kreuz? Offensichtlich keine gute Idee (aber immer noch besser als vom Tieflader überfahren werden…).

Das Malleur passierte an der denkbar ungünstigsten Stelle: Kein ÖV weit und breit, gezwungenermaßen musste ich die letzten 5 km zu Fuß weiter. Besonders unangenehm: Ein Wiesenweg, normalerweise eine nette Abwechslung, aber uneben und jedes krumme Auftreten sehr „aua“.

Der abendliche Gassi- und Essensgang? So kurz wie möglich und trotzdem eine Tortur… Danach: Mit Voltaren gesalbt im Bett liegen, nicht bewegen und auf ein Wunder warten.

The day after: Allières oder retour á la maison?

Das Wunder von Gruyère fand nicht statt; schon der Weg zwischen Bett, Bad und Fressnapf war eine schmerzhafte Bestätigung, dass die heutige Etappe nach Allières ohne meinen Knöchel stattfinden würde.

Was tun? Nach intensiver Internet-Recherche beschloss ich, mich zum Bahnhof von Gruyère zu quälen. Zu Fuß und ohne Bus, denn Luis Verdauung nimmt keine Rücksicht auf Herrchens Malaisen. Unendlich langsam humpelte ich an den Gare — und eigentlich wollte ich hier abbrechen: Ticket für mich und Hund nach Rottweil, aber bitte mit der MOB über Zweisimmen – Luzern – Zürich, damit ich wenigstens als Zuschauer noch etwas von den Alpen habe.

Aber: Internationale Tickets gab’s hier nicht, die könne ich dann in Zweisimmen kaufen. Okay, dann halt erst mal bis dort…

Luis fährt Bell(e) Epoque

So weit, so schlecht, doch: Man soll den Tag nicht vor dem Abend schimpfen…

Auf kurzer Zugfahrt von Gruyère nach Montbovon konnte ich ein Teil dessen betrachten, was ich heute vor mir gehabt hätte. Unspektakulär und nicht wirklich viel verpasst.

Spektakulär hingegen die Weiterfahrt nach Zweisimmen: Kein profaner Eisenbahnwagen, sondern Belle Époque vom Feinsten (und ohne einen Franken extra). Da wurde die Landschaft (fast) zur Nebensache; ein Hauch von Luxus umwehte mich und Luis: Statt auf kaltem Kunststoffboden durfte er in diesem Zug auf kuschelig-warmen Teppichboden dösen.

Die Wende in Zweisimmen

Nach 1 ½ Stunden Belle Époque war auch meine Stimmung wieder belle; Grund genug, den Zwischenstopp in Zweisimmen für ein ausgiebiges Frühstück im Ort nutzen.

Und kaum hatte ich den Bahnhof verlassen, winkte mit ein „Apotheke“-Wegweiser zu. Zum Glück war ich hier wieder in der Deutschschweiz, so konnte ich in der Simmental-Apotheke mein Problem problemlos schildern. Unter tatkräftiger „Installationshilfe“ zweier Mitarbeiterinnen bekam mein Fuß eine brandneu auf dem Markt erschienene Knöchelbandage aus Schweizer Produktion.

Schon die ersten Meter danach waren sensationell — und in (fast) normalem Spaziertempo konnte ich die Straße überqueren und vor dem Kafi Complet sonnig-deftiges Frühstück ordern.

Fuß und Magen versorgt — die Lebensgeister meldeten sich zurück und verlangten eine neue Lagebeurteilung:

  • Einerseits…
    … könnte ich heute nach Hause fahren und morgen einen Arzt aufsuchen. Allerdings würden dadurch 2 Übernachtungen + 2 Zugtickets verfallen. Außerdem ging es (bzw. ich) nicht schlechter als gestern, so schlimm konnte es dann wohl nicht sein.
  • Andererseits…
    … war mein eigentliches Tagesziel Allières bequem per Zug erreichbar (und die Langue de boeuf für heute abend reserviert). Außerdem könnte ich auch die morgige Etappe an den Genfersee per Zug absolvieren.

Also wieder zurück zum Bahnhof und dem Automaten zwei Fahrkarten nach Allières entlocken. Gut, dass ich in Gruyère kein Ticket bis nach Hause bekommen habe…

Fotomodell Luis

Kurz vor dem Bahnhof fiel mir eine Gruppe junge Menschen auf, die um ein hohes Gestänge herumstanden und auf Touchscreens starrten. Geographiestudenten auf Betriebsausflug? Geheime militärische Vermessungsarbeiten? Apfelschuss 4.0?

Ich wollte es gar nicht so genau wissen, ignorierte die Truppe gekonnt und lungerte bis zur Abfahrt des Zuges gelangweilt in, neben und vor dem Bahnhof herum.

Bis eine Gestalt aus der Truppe direkt auf mich zukam und mich ansprach. Keine Geographie, kein Militär, kein Apfelschuss — sondern ein Fotoshooting für eine Werbekampagne des regionalen ÖV-Tarifverbunds Libero. Und da bräuchten sie noch jemand, der — idealerweise mit Hund — am Bahnsteig steht und sich auf den nächsten Zug freut. Ob wir da mitmachen würde?

Aber klar doch, das unterstützen wir doch gerne! So standen wir da und freuten uns über die imaginäre Einfahrt des Zuges — Ende Jahr vorausichtlich auf einer Plakatwand in Zweisimmen zu bewundern. (Wer zufällig im Dezember dort ist: Bitte Foto machen und mailen!).

Jetzt also doch: Allières

Die kurze Fotosession war — nach der unerwarteten Belle Époque, dem sehr erfolgreichen Apotheken-Besuch und dem fulminanten Frühstück — die vierte positive Überraschung des Tages. Das war heute morgen nach dem Aufstehen noch undenkbar und ein weiterer Beweis für „el camino provides“. Selbst wenn man sich mehrere Kilometer vom Jakobsweg entfernt hat…

Nun also fuhr uns die MOB wieder zurück, diesmal ohne Umstieg in Montbovon, sondern in quietschenden Kurven hinauf Richtung Col de Jaman. Zwei Stationen vor dem Scheiteltunnel verließen wir den Zug, jetzt wartete nur noch ein guter Kilometer bis zu unserem Gasthof Croix de Fer.

Sehr rustikal und ein wahrer Ort der Entschleunigung. Ob man will oder nicht ;-). Im lauschigen Biergarten wartete ich auf mein Zimmer, panachierte meinen Durst, verköstigte den Käse der hauseigenen Ziegen und genoss die lang vorbestellte und ersehnte Rinderzunge.

TRAUMHAFT! Welch ein Segen, dass ich doch nicht das Wanderhandtuch geworfen hatte.

Ausblick für morgen

Der heutige Tag hat mich gelehrt, dass mein Ausblick nicht mal für ein paar Stunden stimmt. Wie soll ich da wissen, was morgen ist? Das entscheidet mein Knöchel…

Der finale Abendgassigang (gute Viertelstunde) „bemühte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten“, erträglich zu sein. Ob/wie weit wir morgen gehen, sehen wir morgen.

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