Schweizer Modellbogen „Berner Bauernhaus aus Brienz“

Was macht der Jakobsweg-Fan in Zeiten von Corona? Mein Eindruck: Die „Szene“ geht mit geplatzten Urlaubs- und Pilgerplänen mit der ihr eigenen Gelassenheit um. Kein Hadern mit Verpasstem, sondern ermunternde Erinnerungen auf das bisher Erlebte. Meine Erinnerungen kann ich mir aus Karton zusammenbasteln. Gestern war ein weiterer Schweizer Modellbogen an der Reihe, um mich gedanklich auf die Via Jacobi zurückzubeamen. Überraschende Erkenntnis: Auch Schweizer Modellbogen unterliegen dem Wandel der Zeit.

Die Modell-Auswahl

Ich hatte bereits erzählt, dass ich mir mehrere Modellbogen bestellt hatte — allesamt von Objekten, an denen wir die letzten Jahre persönlich vorbeigewandert sind. Erstes Objekt war der » Schweizer Modellbogen „San Nicolao“ als Erinnerung an die » Via-Gottardo-Etappe von Lavorgo nach Biasca.

Womit weiter machen? Die Auswahl fiel schwer, deshalb durfte die Gattin entscheiden. Aus gutem Grund, denn schließlich musste sie dieses Jahr nicht nur meine Via-Jacobi-Vorbereitungen, -Zweifel und -Absagen erdulden, sondern auch meine wochenlangen und vergeblichen Versuche, von der Deutschen Bahn sinnvolle Infos bezüglich Ticketstornierung zu bekommen.

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Und Germany’s next Papp Modell ist…. [Werbepause]… [Unerträgliche Spannung]… [Zeitschindendes Geschwafel]… [Noch ein Werbeblock]… Das „Berner Bauernhaus aus Brienz“!

Gemäß Beschreibung wurde das Original 1776 erbaut und ist mit seinem kunstsinnig und geschmackvoll geschmückten Balkenwerk ein Beispiel für die „inzwischen weltberühmte“ Kunst der besonders geschickten „Schnitzler“ aus Brienz.

Die Original-Etappe

Das Berner/Brienzer Bauernhaus ist eine Karton gewordene Erinnerung an meine Via-Jacobi-Etappe vom Brünigpass nach Bönigen vor ziemlich genau 13 Monaten. Die Gattin hatte damit eine besonders gute Wahl getroffen, denn diese eine Etappe enthielt alles, was eine Schweizdurchwanderung mit sich bringt:

  • Vormittags durch Neuschnee stapfen, nachmittags im T-Shirt schwitzen.
  • Einsamer Abstieg nach Brienzwiler und inter-/indernationaler Jetset am Grandhotel Giessbach.
  • Frust und Verzweiflung wegen geschlossener Lädeli und Restaurants, dann späte Rettung im freundlichen (und geöffneten!) Dorfpintli Iseltwalt
  • Durchdigitalisiertes Hipster-Hotel am Brünigpass und Extrem-Retro-Unterkunft in Bönigen.
  • Und natürlich: Berge, Aussichten, See, Wald, Kühe, viele Höhenmeter, viele Kilometer ….

Und das alles an einem Tag.

Allerdings muss ich zugeben: In Tat und Wahrheit bin ich an dem Original-Modellbogen-Bauernhaus nicht wirklich vorbeigewandert. Warum? Weil ich mich damals für das Südufer des Brienzersees entschieden habe und damit Brienz umgangen habe. Das war offenbar eine gute Idee, denn das „schmucke Haus“ sieht im 21. Jahrhundert so aus:

Brienzer-Bauernhaus

Jetzt verstehe ich auch, weshalb es in der Beschreibung heißt: „Weil es im Laufe der Zeit auch selber baulich erweitert und umgestaltet worden ist, war es gar nicht so einfach, sein usprünglichens Aussehen im Modell wiederzugeben.“ » Bauernhaus bei Google Streetview

Glücklicherweise durften wir ein paar Kilometer vorher Brienzwiler durchwandern und dort eine ganze Reihen von gleichalten (und noch älteren) Bauernhäusern bewundern, die nicht „umgestaltet“ worden sind:

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Wir bauen unser Bauernhaus

Das Prinzip ist bereits bekannt: Ein DIN-A-3-Karton mit den Einzelteilen des Modells, dazu eine Arbeitsanleitung mit historischem Hintergrund des Objekts.

Wie das Original, so war auch die Schnippelarbeit filigraner und aufwändiger als bei San Nicolao: Mehrere Lauben, Treppen und Verzierungen, vor allem aber zahllose Blumentöpfe forderten volle Konzentration am Schneidwerkzeug:

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Auch der Zusammenbau war deutlich komplexer, sodass ich — ich gebe es zu — mich an mehreren Stellen „verbaut“ habe und Bugfixing bzw. Beppfixing betreiben musste. Es spricht für das eidgenössische Schulsystem, wenn seine Schüler das fehlerfrei hinbekommen ;-).

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Am Ende war es doch geschafft. Das Bauernhaus war fertig und alle Teile ordnungsgemäß verarbeitet. Einige Gebäudeteile waren recht windschief, aber bei einem fast 250 Jahre alten Modell ist das ja durchaus authentisch ;-).

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Für die Plausibilitätsprüfung musste ich den Bauernhof von Brienz nach Brienzwiler versetzen. Die Bewohner mögen es mir verzeihen — sie haben es dadurch deutlich ruhiger und entspannter. Deshalb noch einmal das obige Bild, diesmal mit meinem selbst erbauten und hingephotoshopten Bauernhof.

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Brienzwiler mit Brienzer Bauerhof (vorne rechts)

Passt!

Nicht für die Schule lernen wir…

… sondern für’s Leben. Was habe ich von dieser Bastelarbeit gelernt?

Nicht nur Bauernhäuser, sondern auch Modellbögen werden umgestaltet: Der 2005er-Bogen des Bauernhauses ist (leider) nicht so großväterlich-liebevoll getextet wie der San-Nicolao-Bogen von 1989. Die Arbeitsanleitung ist stark verkürzt, die Kartonqualität ist erkennbar niedriger und es fehlt der pädagogisch wertvolle Hinweis auf besonnenes Arbeit und ärgerlichen Pfusch. Größte Enttäuschung für mich: Die Federklüppli heißen jetzt ganz profan Wäscheklammer. Ich bin gespannt, wie es bei den restlichen Modellbogen aussieht — da sind sowohl noch „ganz alte“ als auch relativ neue dabei.

Mein größter Erkenntnisgewinn war allerdings sehr unerwartet und erfreulich: Zu Recherchezwecken für diesen Artikel habe ich die Google-Streetview-Bilder des Originals konsultiert. Nach dem ich die gesehen habe, bin ich sehr froh, dass ich damals die alternative Via Jacobi am Südufer des Brienzers gewählt habe. Allein dafür hat sich das Gebastel gelohnt…

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