Alpenüberquerung 4: Fügen — Hochfügen


Falls noch irgend jemand gezweifelt haben sollte, dass wir auf unserer Alpenüberquerung geradezu unverschämtes Wetterglück haben, so sind spätestens heute die letzten Zweifel beseitigt. Auch wenn es am Anfang gar nicht danach aussah…

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… denn wer früh aus dem Hotelfenster schaute, sah auf eine Nebelwand. (Gut für das Örtchen Fügen, denn man sah die Wintersportbettenburgen nicht so deutlich…)

Aber der erfahrene Wanderer lässt sich davon nicht die Laune verderben, sondern schaut ganz aktuell auf seine Wanderstrecke — wozu sonst gibt es Webcams? Das aktuelle Bild der Webcam Spieljochbahn — weit oben über dem Zillertal, in mehr als 2000 Metern Höhe — sorgte sehr schnell für sehr gute Laune:

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Da wollten wir hoch — und zwar so schnell wie möglich. Das entsprach nicht ganz der Planung des Reiseveranstalters, der in seiner unergründlichen Weisheit einen Bus zur Seilbahn für 09:30 organisiert hatte. Für uns (und Luis!) viel zu spät und unverständlich, denn nur 50 Meter vom Hotel entfernt für ein öffentlicher und kostenloser Bus — und zwar regelmäßig und deutlich früher.

Für uns (und Luis) perfekt: So konnten wir eine Stunde früher starten, saßen in einem fast leeren Bus und durften als erste Kunden des Tages mit der Seilbahn fahren. Bereits im Bus tauchten wir aus dem Wolkenmeer auf und mit jedem Meter Höhengewinn wurde der Ausblick besser.

Oben bestätigte sich, was schon der gestrige Abendgassigang erahnen ließ: Während unseres Abendessens wurden die Bergkuppen über dem Zillertal weiß „gezuckert“ — knapp 10 Zentimeter Neuschnee in der ersten Septemberhälfte…

Das machte den heutigen Morgen grandios: Über uns blauer Himmel, um uns herum frischer weißer Schnee, unter uns das Grün der Weiden und Wälder, ganz tief unten wieder das satte Weiß der Wolken.

Das Wetter machte eine kleine Planänderung notwendig, die wir für dieses großartige Schauspiel gerne in Kauf nahmen. Der direkte und offizielle Alpenüberquerungsweg von der Geolsbahn-Bergstation zur Gartalm war uns zu verschneit und zu vereist. Unser Plan B:

  • Auf dem sicheren Fahrweg zur Bergstation der (derzeit um-/neu gebauten) Spieljochbahn
  • Von dort knapp unterhalb der Schneegrenze hinüber queren zur  Geolsalm
  • Dann hinauf zur Gartalm und damit wieder auf den „Originalweg“.

Das mit dem „sicheren Fahrweg“ war relativ: Riesige Baufahrzeuge fuhren und rutschten hinauf und hinab, wir wähnten uns eher im Braunkohletagebau als in einem sensiblen Naturraum. Unfassbar, was hier getrieben wird, damit die Menschen während ein paar Winterwochen auf künstlich generiertem Schnee die Berge hinunter rutschen können… Aber zugegebenermaßen profitieren auch wir von dem Irrsinn: Ohne Skizirkus keine Seilbahn, sondern viel Schweiß vom Selberhochgehen.

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Doch kaum hatten wir den Skifahrertagebau hinter uns gelassen, war es perfekt: Kleiner, gut begehbarer Pfad, immer noch großartiges Wolkenmeer unter uns, Sonne satt und trotzdem nicht zu warm.

„Ois isi“, wie der Bayer sagt (haben wir an „Tag 0“ im Papier-Shop der Papierfabrik Gmund gelernt). Gute zwei schöne Stunden nach unserer Ankunft der Bergstation lag sie vor uns: Die Gartalm.

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Und zwischen uns und der Gartalm lag: Ein Geröllfeld. Hier kam selbst Luis an seine Grenzen, der sonst jedes Gelände mit provozierender Gelassenheit meistert. Mit dem Ziel vor Augen haben wir es  offensichtlich geschafft (wie sonst könnte ich diese Zeilen tippen); beim Blick zurück waren wir aber selbst verblüfft, was wir da eben überwunden hatten. Auf die Belohnung mussten wir nicht lange warten.

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Ab hier war nun wieder deutlich mehr „Verkehr“, bei dem man sich gegenseitig immer wieder überholte und im Walk-by-Smalltalk üben konnte. Luis übte sich vor allem im hungrig Gucken — insbesondere bei den Wanderern, die gerade ihr Vesper aus dem Rucksack kramten. Tragisch-komisch war ein Schild kurz vor dem Loas-Sattel, man solle zum Schutz der Vegetation auf den Wegen blieben: Tragisch und komisch, wenn man vier Stunden zuvor durch Erdbewegungsirsinn am Spieljoch gestapft ist.

Nach einem mehr oder weniger notwendigen und mehr oder weniger kurzen Abstecher ging es in den Endspurt nach Hochfügen. „Spurt“ stimmte hier tatsächlich: Auf einem breiten Fahrweg konnte man schnell Strecke machen. Und wurde merklich kälter, nachdem die Wolken sich doch noch zwischen uns und die Sonne gedrängelt hatten.

Beim finalen Gassigang hat uns noch die Webcam Hochfügen erwischt — und dann ging es ans wohl verdiente und überraschend gute Abendessen.

Zahlen, Daten, Fakten

Tagesbilanz: 14,8 Kilometer, 348 Höhenmeter, 6,3 Stunden

Insgesamt: 83,5 Kilometer, 2087 Höhenmeter, 29,6 Stunden

 

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