Alpenüberquerung 6: (Mayrhofen –) Schlegeisspeicher — St. Jakob im Pfitschtal


Tag 6 ist die „Königsetappe“, auf der der Hauptalpenkamm überquert und Italien erreicht wird. Würde uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen? Es wurde eine abenteuerlicher Tag, denn das Wetter machte vor allem weiße Striche. Ob man dieses Abenteuer erleben konnte, hing skurrilerweise davon ab, in welchem Mayrhofener Hotel man untergebracht war.

 

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Was hat das Hotel mit der Wanderung zu tun? Das hat mit unserem komplexen Entscheidungsfindungsprozess zu tun, denn der Sonntagmorgen begann mit Abwägen à la „The Clash“: Should we stay (in Mayrhofen und per Shuttlebus ins Pfitschtal) or should we go (vom Schlegeisspeicher über das Pfitscherjoch)?

  • Die Wetterprognosen machten skeptisch.
  • Die Webcam-Bilder wechselten viertelstündlich zwischen dichter Nebelsuppe und klarer Sicht
  • Die aktuellen Infos des Reiseveranstalters war nichtssagend und — je nach Hotel — extrem widersprüchlich:
    • Unser Hotel teilte mit, man könne die Wege auf eigene Gefahr begehen (klar, wie denn sonst?).
    • Alpenüberquerer eines anderen Hotels wurde mitgeteilt, der Weg sei komplett vereist und gesperrt; die Sperrung würde — von wem auch immer — überwacht und durchgesetzt.

Wir entschieden uns, der Etappe 6 eine Chance zu geben: Wir würden plangemäß per ÖPNV-Bus an den Schlegeisspeicher fahren, los wandern und die Lage vor Ort prüfen. Nach einer Stunde wollten wir dann entscheiden, ob wir weiter gehen oder umdrehen. Im Umdreh-Fall hätten wir bequem wieder nach Mayrhofen fahren können und dort locker den Shuttlebus ins Pfitschtal erreicht — der sollte nämlich erst nachmittags um halb drei am Hotel starten.

Für den Versuch sprach außerdem ein Blick auf die Wanderkarte: Für den größten Teil der Etappe gibt es einen alternativen Fahrweg, den man notfalls auch bei eingeschränkter Sicht und Schneefall noch gut erkennen und begehen könnte. Und: Im Hotel wurde — vernünftigerweise — eine Liste der Wanderwilligen geführt, auf der ein Dutzend Namen standen. Wir würden also keinesfalls allein unterweg sein.

Ergo bestiegen wir nach einer ausführlichen Morgengassirunde den ersten Bus an den Schlegeisspeicher. Die Fahrt zum Stausee war spannend, kurvenreich und lang. Und pünktlich an der letzten Kehre vor dem Ziel fing es vorsichtig an zu schneien. Egal: Das hatten wir in unsere Planung „eingepreist“.

Wie vorgesehen starteten wir entlang des mystisch-nebelverhangenen Sees, um nach geschätzten 20 Minuten Richtung Pfitscherjoch abzubiegen. Das Wetter war kein klassisches Klischeewanderwetter, aber in Ordnung: Besser leichter Schneefall als nerviger Nieselregen. Es war erfreulich windstill und die Sicht war ausreichend. Nach einer Stunde stand die Entscheidung an: Weiter oder umdrehen? „Weiter“ war unsere Wahl.

Unmerklich, aber stetig wurden Schnee und Schneefall mehr; weiter oben kam noch Nebel dazu. Die heutige Etappe versprach abenteuerlich, aber jederzeit beherrschbar zu werden.

Mit schwindender Sichtweite schlossen wir uns mit 2 anderen Abenteurern zusammen und meisterten gemeinsam auch die Steilstufen zur Lavitzalm, die plötzlich vor uns auftauchte.  Pause? Nein, entschied das Wanderkollektiv: Bevor der Weg noch mehr zugeschneit wird, starteten wir gleich durch Richtung Pfitscherjoch-Hütte. Vernünftigerweise wählten wir dazu den gerade noch erkennbar Fahrweg — den „eigentlichen“, weiß verschneiten Wanderweg hätte man im Nebel- und Schneeweiß mehr erraten als finden können.

Alpenuberquerung-Mayrhofen-Pfitschen-28

Es wurde höher und windiger und kälter, also stapften wir noch schneller dem Joch entgegen — schneller Stapfen macht ja auch warm ;-). Und hinter der nächsten Kurve — traraaaa! — standen wir auf 2248 Metern in Italien! Es mag der dünnen Luft und / oder der Anstrengung des Aufstiegs geschuldet sein, aber es erinnerte mich irgendwie an eine Szene, in der man rufen möchte: „Meyer und Pöhlmann, Deutschland ist stolz auf Euch!“

Für ein paar (schnelle) Erinnerungsfotos waren Wind und Wetter (kurz) egal, dann ging es hurtig weiter zur Pfitscherjoch-Haus. Unerwartet und nur wenige Meter vor uns nahm das Bauwerk im Nebel Gestalt an, rasch standen wir drinnen und wurden herzlichst begrüßt: Wir waren offensichtlich die ersten Gäste, die sich heute aus dem Tal hier hoch gewagt hatten.

Schön warm war`s und die Maccheroni-Hütten Hütten-Maccheroni waren jeden Höhenmeter wert. Doch trotz genudelter Wärme mussten wir weiter: Mit viel Disziplin gelang es uns, in (noch mehr) Schnee und Wind hinauszugehen. „Keine Experimente“ war unsere Devise, deshalb nahmen wir wieder den Fahrweg. Der offizielle Wanderweg war unsichtbar im Schnee- und Nebelmeer verschwundenen und wir hatten keine Lust, in 5300 Jahren als „Pfitschi mit Hund“ begafft zu werden (wie Wanderkollege Ötzi in Bozen).

Beim Abstieg dasselbe Schauspiel wie beim Aufstieg, nur in umgekehrter Reihenfolge: Es wurde unmerklich, aber stetig immer weniger weiß und immer mehr grün. Zusätzlich hatten wir sogar fast so etwas Ähnliches wie Aussicht. Eine Stunde nach dem dichten Schneegestöber konnten wir tatsächlich einen Blick auf das Tagesziel St. Jakob im Pfitschtal werfen. Kaum zu glauben: Dort schien die Sonne, sie ließ Wiesen und Weiden in einem absurd-kräftigen Grün leuchten.

Wir blieben auf dem Fahrweg und nahmen die Zusatzkilometer gerne in Kauf, die uns die Serpentinen kosteten. Nach dem anstrengenden und „interessanten“ Aufstieg kam uns ein bequemer und entspannter Abstieg gerade recht.

Als angenehmen Abschluss gab es die letzten 2 Kilometer auf einem sehr schönen Wiesenweg über dem Talgrund, dann hatten wir unsere Unterkunft in Sankt Jakob erreicht.

Mit etwas über 22 Kilometern hatte wir deutlich mehr „auf dem Tacho“ als usprünglich geplant. Dennoch waren wir froh und stolz, diese Etappe absolviert zu haben. Über den Hauptalpenkamm von Österreich nach Italien — das ist selbst dann ein schönes Gefühl, wenn man keinen einzigen Zinken des Hauptalpenkamms gesehen hat ;-).

Nachtrag: Schade, dass die Wanderer aus dem anderen Hotel mit Fake News von der Wanderung abgehalten wurden und das Highlight der Alpenüberquerung verpasst haben. (Damit meine ich nicht (nur) die besten Hüttenmaccheroni Tirols 😉 . Doppelt schade: Der Shuttlebus in Mayrhofen fuhr eine Stunde später ab als angekündigt, sodass die Nichtwanderer a) noch eine Stunde länger im Hotel in Mayrhofen herumlungern mussten und b) eine Stunde später als wir im Hotel im Pfitschtal ankamen.

Glück gehabt, das wir in unserem Hotel waren und zur Wander-Fraktion gehörten!

Zahlen, Daten, Fakten

Tagesbilanz: 21 Kilometer, 582 Höhenmeter, 7 Stunden
Insgesamt: 109,9 Kilometer, 2744 Höhenmeter, 38,1 Stunden

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