Via Jacobi mit Hund 2019-5: Spiez – Grundbach

Hä, wieso von Spiez nach Grundbach? Weil ich spontan entschieden habe, doch schon heute auf die „offizielle“ Via Jacobi zurückzukehren. Allerdings hat die Via Jacobi mein Entgegenkommen nicht honoriert, sondern mich an den Rand einer Kapitulation gebracht. Nur ein „Wurstsalat mit Garnitur“ und Luis‘ Schnellladefunktion verhinderten den Abbruch — und ganz am Ende wurde das Durchhalten doch noch belohnt. „El Camino provides“ mal wieder.

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+ + + Dieser Artikel wurde aus technischen Gründen (unerwartet früh eingeschlafen und kurz vor Mitternacht wieder aufgewacht) erst einen Monat später verfasst, aber mit Originaldatum publiziert + + +

Planänderung: Spiez statt Gunten

Nach der Übernachtung in Gunten wollte ich eigentlich fernab der Via Jacobi über Thun nach Wattenwil. Uneigentlich habe ich aber spontan umentschieden. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Ganz so spontan war die Entscheidung doch nicht. Gestern auf dem Schiff habe ich mich mit dem Senior unter anderem über meinen weiteren Weg unterhalten und das Problem, dass morgens kein Schiff von Gunten nach Spiez führe.

Verwundert fragte er darauf, warum ich dann nicht mit Bus und Zug führe. Das ginge doch ganze einfach und schnell. Die Saat des Zweifels am ursprünglichen Plan fiel auf fruchtbaren Boden, denn ich wollte:

  • …. wieder auf den offiziellen Jakobsweg, von dem ich in den letzten Tagen immer wieder abgewichen bin.
  • … entspannt Wegweisern folgen anstatt mir selbst einen Weg suchen und aufs Garmin starren zu müssen.
  • … am weniger sonnigen Ufer entlang (schön, dass man das im März berücksichtigen muss ;-).
  • … mich von der Grand Tour of Switzerland fernhalten, weil ich nach Interlaken und Beatushöhlen genug hatte von inszenierter Swissness.

Morgenstund mit Bus und Hund

Der Tag begann mit einem spektaktulären Morgengassigang in Guten. Es war recht kühl, die Luft angenehm frisch und gegenüber erwachte der Niesen langsam aus dem Schlaf und kleidete sich in elegantes Morgenrot.
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Auch das Hotel erwachte langsam; als einer der ersten Frühstücksgäste genoss ich die Ruhe vor dem Buffetsturm und den Ausblick auf den Thunersee. Ab 8:00 Uhr war auch der junge Mann an der Rezeption bereit, mich auszuchecken und zehn Minuten später saß ich im Bus zum Bahnhof Thun.

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Fun Fact: Am Bahnhof Thun wartete ich schon mal auf einen Zug, nämlich bei meiner Interrail-Tour auf dem Rückweg von Marokko nach Hause. 28 Jahre später — und immer noch derselbe Rucksack. Das ist nachhaltiges Reisen! (Allein der Mitreisende von damals unterschied sich stark vom heutigen: Deutlich weniger behaart, nur halb so viele Beine, Selbstzahler und Selbst-Gepäck-Träger).

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Der Zug nach Spiez brauchte nur wenige Minuten (oder nur 18 Sekunden, wenn man die Fahrt im Zeitraffer anschaut). Nach ein paar weiteren Minuten waren wir an der Schiffsanlegestelle und wieder auf der offiziellen Via Jacobi.

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Ernüchterungen in Spiez

Spiez am Morgen: Der nahe Niesen grüßt in vollem Sonnenschein, die Lage am See ist traumhaft und das Schloss ein Highlight. Das haben auch globale Tourismusherden erkannt, die — wie ich ernüchtert feststellen musste — offensichtlich auch Spiez abgrasen. Doch zum Glück liegen die um halb zehn noch im Hotelbett, sodass ich Ort und Schloss (mit Einzeiger-Uhr!) unbehelligt genießen konnte.

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Nach dem Schloss gings hinauf auf den Weinberg, der schon ordentlich Wärme getankt hatte. Zeit für einen ersten kurzen Zwischenstopp, um die Kleidung auf T-Shirt-Temperaturen umzustellen — und einen intensiven Blick auf Karte und Garmin.

Denn — Ernüchterung 2 — die Via Jacobi war hier schlecht bis gar nicht gar nicht ausgeschildert. Ich musste mir selbst einen Weg suchen, statt entspannt Wegweisern zu folgen (also genau das, was mit meiner morgendlichen Entscheidung vermeiden wollte).

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Mit Einigen Irrwegen weiter

Die grobe Richtung war bekannt, sodass wir trotz einiger Irrwege und „alternativer Jakobswege“ auf einem Höhenrücken oberhalb des Thunersees gut vorwärts kamen. Endlich wieder ein Via-Jacobi-Schild — und das schickte uns hinab Richtung See, um auf dem Trottoir einer Hauptverkehrsstraße in ein ewig langes Wohngebiet zu wandern. 

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Wozu? Warum nicht auf dem Höhenrücken bleiben, wo wir nach dem Ortsende wieder hinauf mussten?

Weil in Einigen eines der heutigen Hightlights steht — und das schon seit 1000 Jahren: Die ehemalige Wallfahrtskirche, die wohl auch vielen Generationen von Jakobsweglern Zwischenziel und Anlaufstelle war. Die wollte ich mir natürlich genauer anschauen, zumal sie Grund für die unschöne Hauptverkehrs-und-Wohngebiets-Passage war.

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Doch mein Anlauf wurde jäh gestoppt: In der Kirche liefen die letzten Vorbereitungen für einen Hochzeitsfeier. Ein aufgeregter Kinderchor hatte Generalprobe, da wollte ich nicht stören und für noch mehr Aufregung sorgen. Die Hauptpersonen der Veranstaltung kamen mir auf der Suche nach guten Fotolocations entgegen, sodass ich ihnen gratulieren und Glück wünschen konnte. Ich rede mir ein, dass die Wünsche besonders viel helfen, wenn sie von sehr weit und zu Fuß daher kommen…

Zwieselberg & Amsoldingen: Ernüchterung & Hoffnung

Was wir vor Einigen hinabgestiegen sind, mussten wir jetzt wieder hinauf — die Topografie nahm schließlich keine Rücksicht, dass wir umsonst zur Kirche abgestiegen waren. Dennoch machte die Strecke wieder gute Laune:

  • Lustige Wegweiser und sinnfreie Drehkreuze
  • Imposante Gitterbrücke, die Luis heldenhaft passiert hat
  • Wieder gut ausgeschilderter und rätselfreier Jakobsweg
  • Schöne Aussichten auf Thunersee und zurückliegende „richtige“ Berge
  • Nette Unterhaltung mit zwei älteren Radfahrerinnen, die einst selbst auf dem Jakobsweg waren

 

 

Die Strecke macht nicht nur gute Laune, sondern auch durstig und hungrig. Es war mittlerweile nach Mittag, warm und durchgehend sonnig. Google verriet mir, dass der Gasthof Kreuz am Ortsanfang von Amsoldingen und direkt an unserem Weg lag. Was mir Google nicht verriet, war das da:

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Och nöö… Seit Anfang 2019 hat es sich ausgekreuzt. Ernüchtert stapfte ich weiter. Vielleicht gibt es im Ort noch eine Alternative? Nein, gab es nicht. Dafür eine weitere, über 1000-jährige Kirche (» Kirche Amsoldingen) am Ortsende. Eigentlich drängte es mit zu Speis und Trank — aber da ich nun einmal hier war, musste ich eben hier eine Pause einlegen.

Die uralten Mauern, das schlichte Innere und die angenehme Kühle beruhigten den frustrierten Wanderer. Liebend gerne wäre ich hier ewig sitzen geblieben; allein wegen des draußen in der Sonne wartenden Luis musste ich bald wieder vor die Tür.

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Dort zog ich nach einiger Googlerei und mehreren erfolglosen Telefonaten eine ernüchternde Zwischenbilanz: In mehreren Kilometern Umkreis gab es kein Restaurant, kein Gasthof, kein Bäcker, kein gar nichts — selbst wenn einen alternativen Weg Richtung Tagesziel gegangen wäre. Die nächste und einzige Hoffnung war Blumenstein, zwei Stunden entfernt und eigentlich viel zu spät für eine „Mittagspause“.

Frustrierend. Deshalb kramte ich einen Anti-Frust-Landjäger aus dem Rucksack und fand mich mit den Tatsachen ab, die ohnehin nicht zu ändern waren. Und siehe da: Wenige Minuten später hatten zwei Bauernhöfe unabhängig voneinander einen Sebstbedienungsstraßenverkauf, der mich in einen wahren Kaufrausch stürzte:

  • 1 Glas Kirschmarmelade mit Johannisbeere
  • 1 Schaufelacker Dauerwurst
  • 2 x getrocknete Apfelschnitz
  • 2 Becher frisch gezapfter Süßmost

Das gab Hoffnung, dass ich heute doch nicht verhungern muss und der Tag noch eine gute Wendung nimmt.

 

 

Rettung & Beinahe-Kapitulation in Blumenstein

Die gute Wendung musste noch zwei Stunden warten: Es wurde gefühlt immer heißer und sonniger und die Pausen wurden häufiger. Aber wie die Überschrift schon spoilert: Wir haben Blumenstein und den (geöffneten!) Gasthof Bären doch noch erreicht. Um 15 Uhr konnte ich (endlich!) Körper und Geist mit zwei Panache, einem Wurstsalat mit vitaminreicher Garnitur und einem Espresso wiederbeleben.

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Neben Wurtsalat und Garnitur hatte ich auf der Bären-Terrasse eine erschreckende Erkenntnis zu verdauen: Meine Unterkunft hatte nicht in Wattwil selbst, sondern „etwas außerhalb und oberhalb“ in Grundbach gebucht. Auf dem Weg nach Blumenstein verstand ich, wie viel „etwas oberhalb“ sein würde.

Nochmal 250 Höhenmeter?! In der prallen Nachmittagssonne?! Wer plant den sowas?! Und warum darf man ein Bergdorf überhaupt Grundbach nennen — das ist doch irreführende Werbung!

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Ich machte mir vor allem um Luis Gedanken: Er hatte spätestens seit dem Örtchen Uebeschi keine Lust mehr und wollte im Bären gleich die Treppe hoch in eines der Gästezimmer. Vor allem das Wetter machte ihm zu schaffen — verständlich, wenn man bei Dauersonne im schwarzen Pelzmantel wandern muss.

  • Den Bus nehmen? Der fuhr nur bis Wattwill, d.h. nach Grundbach hätte ich trotzdem müssen.
  • Abkürzung finden? Ändert nichts daran, dass Grundbach auf dem Berg liegt.
  • Einfach im Bären übernachten? Dann würde die morgige Etappe viel zu lang und mit einem üblen Anstieg beginnen.
  • Ganz abbrechen und nach Hause fahren? Selbst das zog ich in Erwägung — aber für die ÖV-Heimfahrt war es heute viel zu spät.

Wäre jetzt irgendein Bus irgendwo hingefahren, wäre ich sofort eingestiegen; doch der nächste ging erst in dreiviertel Stunde.

Solange wollte ich nicht sitzen bleiben. Die dreiviertel Stunde konnte ich auch gemütlich spazieren gehen und dann ein/zwei/drei Bushaltestellen später einsteigen — wenn Luis bis dahin mitmacht.

(Meine) Erstbesteigung des Grundbach-Massivs

Zu meiner Überraschung hatte sich Luis in der dreiviertel Stunde „Bären“ vollständig regeniert — offensichtlich eine unbekannte Schnellladefunktion, um die ihn namhafte Batteriehersteller beneiden (und ich auch). Ich ließ mich von seiner Energie anstecken und von verlockenden Pause-Schildern in Mettlen nicht ablenken.

 

 

Wir waren unerwartet schnell: Um 16 Uhr standen wir in Gmeis am letzten Basislager zu Fußen den Grundbach-Massivs, das sich provozierend vor uns auftürmte (so kam es mir zumindest vor). Und Blumenstein würde erst jetzt unser Bus abfahren.

Jetzt gab es keinen Weg zurück: Das „naheliegendste“ Ziel war Grundbach, alle Alternativen wären sinnfrei und deutlich langwieriger gewesen. Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, latschten wir langsam — seeehr laaaangsaaaam — aufwärts. Erstaunlich, dass eine unglaublich steile Straße immer noch steiler werden kann. Und wie brutal sich 260 Höhenmeter ziehen können. Und wie warm es Ende März in der prallen Sonne werden kann.

Die Pausen wurden häufiger, allein die Hoffnung auf ein baldiges Ende hielt mich in Bewegung. Als kleinen Motivationsschub wollte ich auf den bereits erledigten Aufstieg zurückblicken — und war durch die Aussicht mit allen Strapazen versöhnt. Was für ein grandioser Rückblick! Allein dafür hat sich die Mühe gelohnt.

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Grandioses Finale in Grundbach

„Nur“ eineinhalb anstrengende Stunden nach dem Aufbruch im Bären waren wir endlich am Ziel. Das Erlebnis Hofmatt war eine angemessene Belohnung für unser Durchhaltevermögen: Ein wunderschönes Bauernhaus, ein unfassbar großes Gästezimmer mit eigener Küchenzeile, einem freundlich-engagierten Hofhund, sehr freundliche Gastgeber.

(Da ich diesen Artikel „etwas“ zeitverzögert verfasse, kann ich guten Gewissens schreiben:) Das war die beste Übernachtung zwischen Treib und Fribourg!

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Um das ganze noch perfekter zu machen, brachte die Gastgeberin in Windeseile ein eiskaltes Panache herbei und verkündete, dass sie heute für eine andere Gästegruppe kochen würde, ich könne gerne mitessen. Verlockender Gedanke, aber noch 2 Stunden warten? Zudem wollte ich meine Einkäufe aus Thun und Amsoldingen nicht verderben lassen. Darum gab es für mich kein Schnitzel mit Rösti, sondern Salami-Baguette mit Kirsch-Johannisbeer-Topping.

Und während die andere Gästegruppe um 19:00 Uhr (vermutlich) ihr „Znacht“ verspeiste, lag ich bereits im Tiefschlaf, aus dem ich erst kurz vor Mitternacht wieder erwacht bin.

Was lehrt uns diese Etappe?

  • Ein schlechter Tag ist am Ende nicht so schlecht, wie er sich mittendrin anfühlt.
  • Es ist einfacher, nicht zu aufzugeben, wenn man die Freiheit hat, aufgeben zu dürfen.
  • Salami-Baguette mit Kirsch-Johannisbeer-Topping schmeckt besser als es sich anhört.

Ausblick für morgen

„Was Du abends kannst ersteigen, musst Du morgens nicht erleiden.“ Soll heißen: Da ich nicht unten in Wattenwil, sondern bereits oben auf dem Berg bin, kann ich mich auf eine entspannte und weitgehend flache Etappe nach Schwarzenburg freuen. Eigentlich logisch — und ein weiterer Grund, sich mit dem heutigen Tag zu versöhnen.

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