Via Cannobio 3: Bascia — Bellinzona


Der heutige dritte Tag sollte eher weniger abwechslungsreich werden. Das ließ zumindest der offizielle Wanderführer erwarten, der die 6 Stunden von Biasca nach Belinzona in mageren 19 Wörtern beschrieb. Ich weiß inzwischen auch, warum.

Biasca will mich nicht gehen lassen

Allerdings: Spannend wurde es gleich zu Anfang. Statt meinem Garmin folgte ich der offiziellen Wegmarkierung, die mich durch Gewerbe- und Wohngebiete lockte, um dann zu verschwinden. Ich nehme es sportlich: Wenn man 25 km vor sich hat, läuft man zu Beginn gerne noch eine 2-km-Extrarunde.

Dank Garmin fand ich doch noch ans andere Ufer des Ticino und konnte kurz nach 10 Uhr auf dem Sentiero Riviera starten. Dieser folgt schnurgerade dem Lauf des Flusses, nach der anspruchsvollen Etappe von gestern war das heute angenehm unspektakulär.

Meditative Ereignislosigkeit

Die Highlights der ersten Stunde:

  • Ein Jogger mit Hund
  • Eine alte Geschützstellung (Mairano 4)
  • Der Wechsel von Normal- auf Sonnenbrille
  • Eine kleine Holzbrücke

Die Highlights der zweiten Stunde: Nichts.

Willkommene Abwechslung in Osogna

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse:

  • Eine Gitterbrücke!
  • Ein Radfahrer!
  • Unterquerung der Autobahn!
  • Wechsel auf die andere Flussseite!

Von dieser nervenzerfetzenden Aufregung musste ich mit einer kurzen Pause am Ufer des Ticino erholen. Wie praktisch, dass es 12 Uhr war und in Osogna die kleine Bäckerei der Gebrüder Fontana gibt.

Bach, Beethoven und Bellinzona

Was danach folgte, war so eintönig und unschön, dass der Wanderführer zurecht diskret geschwiegen hat: Kilometerweit an Industrie und Schotterwerken entlang oder durch eintöniges Gebäum.

Doch ich war vorbereitet und hatte meine Kopfhörer dabei. Allein das Entknoten des Kabelgewirrs beschäftigte mich einen halben Kilometer, gefolgt von sechs bis acht Kilometern Beethoven, Bach & Co.  [Vielen Dank an SWR2, dessen Musikstücke der Woche ich selten so geschätzt habe wie hier.]

Luis (ohne Kopfhörer) hatte zumindest kurze Abwechslung und -kühling bei einem schnellen Bad im Ticino.

Doch erst wenn die letzte Playlist abgespielt und der letzte Akkord verklungen ist, werdet ihr merken, dass die Strecke immer noch ätzend ist. Deshalb freute ich mich — man glaubt es kaum — über eine Autobahnbrücke.

Das war nämlich die N13, die vom San Bernardino herunterkommt und

  • erinnert an zahllose Urlaubsfahrten an den Lago Maggiore erinnert
  • mich und Hund demnächst wieder — und mit Gattin! — an den See bringen wird
  • jetzt und hier klar anzeigte, dass Bellinzona nicht mehr weit sein kann.

Weltkulturerbe im Blick

Dem Ticino weiter folgend umrundeten wir die halbe Stadt, um dann im 90° Winkel abzubiegen. Ich wollte die Stadt nämlich unbedingt über das Castelgrande erobern — immerhin eine UNESCO-Welterbestätte (und eines der wenigen Kultur-Highlights, die man auch vierbeinigem Begleiter besuchen kann).

Allerdings nahm ich mir nur kurz Zeit, um im Gras liegend das Kulturgut zu würdigen: Zu viele Touris und ich war ich zu ungeduldig und ich wollte endlich im Hotel Croce Federale ankommen.

Zu meiner großen Freude und Überraschung hatte mein Zimmer nicht nur einen Balkon, sondern den direkten Blick aufs Castelgrande. Besser hätte ich es nicht erwischen können!

Luis hingegen war nur mäßig beeindruckt: Sein Fressnapf mit Weltkulturerbe-Blick war für ihn nur ein (viel zu wenig gefüllter) Fressnapf.

Furioses Tagesfinale mit Montebello und Carbonara

Nach einer ausgiebigen Dusche und der heute notwendigen „Hausarbeit“ stand die Abendgassirunde auf dem Plan. Und wohin geht der kulturell interessierte Fellträger in Bellinzona? Natürlich auf den Montebello —  die paar Höhenmeter waren nach der heutigen Flachetappe kein Problem.

Und sie haben sich gelohnt: An den Mauern des Castello di Montebello (noch ein UNESCO-Welterbe!) fanden wir ein lauschiges Plätzchen in den letzten Sonnenstrahlen des Tages, mit schönem Blick auf Bellinzona und das Castelgrande. Und gaaaanz hinten konnte ich einen ganz schmalen Streifen des Lago Maggiore erahnen. Da erst wurde mir bewusst: Wir haben es fast geschafft!

Das motiviert für den morgigen Tag, dessen erste 15 km möglicherweise so spannend werden wie heute die ganze Strecke. Egal, die letzten 5 km am Lago werden für den potentiell eintönigen an Anmarsch entschädigen. Behaupte ich mal so.

Für das Abendessen konnte ich mich nicht mehr zu weiten Märschen motivieren — wozu auch? Karte und Ambiente des Restaurant im Croce Federal versprachen ein unkompliziertes und angemessenes Nachtmahl: Insalata mista, Spaghetti Carbonara, Vino Rosso aus Bellinzona. Sehr gut, sehr lecker, sehr mächtig, und für Schweizer Verhältnisse noch ganz günstig.

Und als optisches Dessert wartete im meinen Zimmer das leuchtende Castelgrande vor dem Dunkelblau des Abendhimmels auf mich. Fehlstart in Biasca? Öde Strecke? Alles vergessen.

Bellinzona bellisima!

Tagesbilanz: 29 Kilometer (davon 2,2 km in Biasca…), 368 Höhenmeter, 7 Stunden
Gesamtbilanz ab Faido: 58,9 Kilometer, 1313 Höhenmeter, 17 Stunden

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