Via Nocobi: Schweizer Modellbogen „San Nicolao“

Am letzten Tag der Via Jacobi wären wir heute in Genf angekommen und hätten dort unter anderem die Fontäne des Jet d’eau bestaunt. Doch Genf ist unerreicht; den Jet d’eau könnte allenfalls Luis simulieren, wenn er sich auf den Rücken legt ;-).
Stattdessen übe ich mich gewungenermaßen in Entschleunigung — und entdecke alte Formen des Zeitvertreibs wieder, die mich zumindest virtuell in die Schweiz zurückbringen. Die Parallele zur aktuellen Situation sind frappierend.

Die Schweizer Modellbogen

Vor einigen Wochen las irgendwo von den „Schweizer Modellbogen“. Das sind Kartonmodelle, mit denen Schweizer Schulkinder seit über 100 Jahren Schweizer Sehenswürdigkeiten basteln können (» NZZ: „100 Jahre Schweizer Modellbogen“).

Ich war neugierig und hatte mir ein paar der Objekte bestellt, an denen wir die letzten Jahre persönlich vorbeigewandert sind (» Online-Shop der Stiftung Pädagogischer Verlag LLZs, Lieferung auch nach Deutschland).

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Jetzt, einige Wochen nach der Lektüre des oben verlinkten Artikels, nehme ich die Entstehungsgeschichte der Modellbogen ganz anders wahr:

Der Spanischen Grippe nämlich haben wir es zu verdanken, dass es dem ans Bett gefesselten Zürcher Primarlehrer Edwin Morf vor hundert Jahren derart langweilig war, dass er ein neues Unterrichtsmaterial ersann – den Modellbogen: Auf einem Klappkarton sind bekannte historische und volkstümliche Bauten im Kleinmassstab und in Einzelteile zerlegt abgebildet.

Und hundert Jahre später hat man wieder unfreiwillig Zeit und Muße (aka „Langeweile“), sie zusammenzufügen und auferstehen zu lassen.

San Nicolao (Giornico)

Für den Anfang habe ich mir das Modell der Tessiner Kirche San Nicolao vorgenommen. Der zweiseitige „Beipackzettel“ des Modellbogens beschreibt liebevoll und angenehm, was es mit dem Bauwerk auf sich hat. So erfahren wir, dass in Giornico 1478 „eine kleine Schar wackerer Innerschweizer sich gegen eine angerückte mailändische Übermacht verteidigt habe“Wikipedia: Schlacht bei Giornico). Die Kirche als „Augenzeuge jenes denkwürdigen Tages“ war schon damals mindestens 250 Jahre alt und werde zuweilen als „schönste romanische Kirche des Tessins“ bezeichnet.

Giornico_Landscape
Giornico 2018, ganz rechts der Kirchturm von San Nicolao

Über den Anlass des Kirchenbaus gibt es verschiebene Vermutungen, so auch diese:

[…] andere vermuten, es habe neben dieser Basilika einmal ein Hospiz gestanden. Dies wäre denkbar, ist doch der Gotthardweg, der hier vorbeiführt, seit undenkbarer Zeit immer wieder benützt worden.

Das kann ich bestätigen: Knapp 30 Jahre, nachdem diese Zeilen in den Modellbogen geschrieben wurden, habe auch ich (und Luis) den Gotthardweg benützt: Auf der Via-Gottardo-Etappe von Lavorgo nach Biasca sind wir genau an dieser Kirche vorbeigelatscht.

Giornico_Original
Mein Blick zurück auf der Via Gottardo: San Michele (links) und San Nicolao (mitte).

Ja, leider vorbeigelatscht. Denn damals kannte ich den Modellbogen noch nicht und wusste nicht, woran ich da vorbeilatsche. Vor allem aber war ich auf der verzweifelten Suche nach einer Gaststätte, die nicht Chuiso oder im Urlaub oder stillgelegt war. Wenige Meter hinter San Nicolao versteckte sich die Trattoria La Pergola; bestes Tessiner Zmittag war mir seinerzeit wichtiger als schönste romanische Kirchen. [Bertold Brecht hatte halt doch recht…]

Wir bauen unser San Nicolao

Zwei Jahre später konnte ich der Kirche endlich die gebotene Aufmerksamkeit widmen:

  1. Was beim Kochen das Gemüseschnippeln ist, ist beim Modellbau das Teile-Ausschneiden. Die Teile sind nicht übertrieben filigran, dennoch erfordern Monsterschere und nicht mehr ganz jugendlichen Augen etwas Konzentration.
  2. Nach der Vorarbeit nimmt San Nicolao langsam Gestalt an; die flachen Kartonteile wachsen in die dritte Dimension. Die „Arbeitsanleitung“ ist DAU-kompatibel und trotzdem so spartanisch, das man gedanklich bei der Sache bleiben muss. Das ist auch Sinn der Übung und man begreift (im doppelten Sinn), was wo wie zusammenhängt.
  3. Einige Falze, Steckereien und Uhu-Bahnen später ist das Werk vollbracht; aus einem bedrucktem Karton ist eine schöne Erinnerung an die Via Gottardo geworden.

Als kleine Plausibiltätsprüfung noch einmal das Bild von oben, diesmal mit meiner selbst erbauten und hingephotoshopten San Nicolao.

Giornico_Schweizerbogen

Passt!

Nicht für die Schule lernen wir…

… sondern für’s Leben. Jaja, nerviger Spruch, wenn man in der Schule hockt. Die Richtigkeit erkennt man wohl erst mit wachsendem Abstand zur Schulbank.

Was habe ich von dieser sehr außerschulischen Bastelarbeit gelernt?

  • Ich habe damals etwas verpasst. [Wikipedia streut dazu noch mehr Salz in die Wunden und nennt die Kirche „das bedeutendste romanische Baudenkmal im Tessin“]
  • Ich will da unbedingt nochmal hin. [Auch wenn es nicht das Gleiche sein wird — einen halben Tag hinwandern ist etwas anderes als ein kurzer Autostopp auf dem Weg an den Lago.]
  • Das Papiergebastel ist pure Entspannung – volle Konzentration auf eine völlig unwichtige Sache.
  • Ich weiß seit heute, was ein Federklüppli ist. [Und muss jetzt aus sprachlicher Neugier noch herausfinden, was ein „Klüppli“ ohne Feder ist.]

Den nachhaltigsten Eindruck hat allerdings der letzte Absatz des Beipackzettels hinterlassen. Der gilt nicht nur für den Bau von Pappmodellen, sondern für alles, was länger als 30 Minuten Bestand haben soll:

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Wie gerne würde ich diese vier Zeilen der Menschheit an die Tischplatte tackern.

Tagesbilanz: 0 Kilometer, 0 Höhenmeter, 1 schlafender Hund

Gesamtbilanz: 37,4 Kilometer, 1025 Höhenmeter, 1 tiefenentspannter Hund

2 Kommentare zu „Via Nocobi: Schweizer Modellbogen „San Nicolao““

  1. Ich war doch überrascht, wie gut deine Kirche ins Bild reingepasst hat. Musste nach dem Lesen zweimal schauen und die beiden Bilder vergleichen. Sehr schön gemacht 😇
    Frage: sorry ghöre net dä zue aber glich en frog, was send Klüppli
    Antwort: so holzigi chlini klüppli oder au chlüppli. das sind so wie wäscheklammern zum wösch ufhänke. eifach chliner und ebe mini sind us holz woni wiss agmalet han.

    1. Danke, wieder was dazugelernt. Die Modellbogen sind nicht nur lehrreich für eidgenössische Schüler, sondern auch für Lange-nicht-mehr-Schüler aus dem großen Kanton 😉

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