Via Cannobio 6: Brissago — CANNOBIO


„Der Rest nach Cannobio […] entspricht zwei durchschnittlichen Gassigängen“, schrieb ich noch gestern Abend. Doch in der allerletzten Etappe der 450 Kilometer von Balingen nach Cannobio war nochmal alles drin, was Extremgassigehen zu bieten hat.

Der Blick aus dem Zimmerfenster zeigte: Der See ist noch da und die Straßen sind nass.

Davon ließ ich mich nicht verunsichern und genoss das sehr reichhaltige Frühstück im Hotel Morettina, während ich nebenbei ein angeregtes und interessantes Gespräch mit dem Inhaber führte. Er gab mir unter anderem Tipps, wie ich von der Grenze geschickt nach Cannobio komme.

Auf grenzwertigem Weg zur Grenze

Bis zur Grenze wollte ich abseits der Hauptstraße durch Wohngebiete an Höhe gewinnen, um am Ende auf einem naturnahen Weg zur Grenzstation abzusteigen. Bei nassen Straßen und trockenem Wetter startete ich wohl gelaunt den Weg nach oben, bis..:

Nee jetzt, echt? Ich versuchte mein Glück trotzdem — mit Erfolg: Mit einem freundlichen Bongiorno grüßte ich die Bauarbeiter, die ebenso freundlich zurück grüßten und sogar noch eine Absperrung beiseite räumten. Wahrscheinlich haben sie erkannt, dass ich in wichtiger gesamteuropäischer Mission unterwegs und kurz vor dem Ziel war.

Der naturnahe Weg war der Natur sehr viel näher als ich mir ausgemalt hätte: mit dornigen Schlingpflanzen zugewuchert, kaum zu erkennen und mit querliegenden Bäumen, die ich nur im Kriechgang unterqueren konnte. Luis war hier höhenmäßig eindeutig im Vorteil.

Direkt an der Grenze brach ich dann als zerzauster Waldschrat aus dem Unterholz hervor. Von den Grenzwachen kritisch beäugt fertigte ich diverse Beweisfotos an und latschte mit einem weiteren freundlichen Bongiorno wie selbstverständlich nach Italien.

Wenige Schritte hinter der Grenze nutzte ich die Chance auf den ersten echt italienischen Cafè, um mich von dem Übermaß an Natur zu erholen und mich für die nächste Herausforderung zu pushen: Ca. 250 Meter auf dem Randstreifen der stark befahren Uferstraße.

Klingt gewagt (besonders wenn man die Straße kennt), ist es aber nicht (wie ich vorab dank Google Street View recherchiert hatte; wer es virtuell miterleben will, klicke hier):

  • Der Verkehr ist durch die Kurven gut vorhersehbar.
  • Die Leitplanken haben alle 20 – 40 Meter eine kleine Einbuchtung.
  • Zehn Uhr ist eine relativ verkehrsarme Zeit.
  • Die Autos kamen (durch Wohnmobile ausgebremst) blockweise entgegen.

Ergo konnte ich in den Leitplankenbuchten abwarten, bis ein Schwung Fahrzeuge durch war, dann ganz entspannt auf der leeren Straße zur nächsten Bucht spazieren.

Trotzdem: Ich war froh, als ich wieder auf einem regulären Wanderweg war. Genaugenommen wäre „Wandertreppe“ der treffende Ausdruck. Wie so oft ging es Stufe für Stufe für Stufe für Stufe aufwärts.

Spätestens hier befand ich mich dann auf vertrautem Terrain, das ich aus früheren Urlaubswanderungen kannte:

Damit war auch irgendwie die Luft raus, zumal sich langsam Regen auf mir, Hund und Rucksack breit machte. Das Gute daran:

  • Ich konnte mich freuen, 400 Gramm Regenponcho nicht unnötig mitgeschleppt zu haben.
  • Ich habe es in Cinzago zum ersten Mal ohne fremde Hilfe geschafft, mich und Rucksack unter den Poncho zu bringen.

Die fragwürdige Eleganz meiner Verrenkungen tat dem Triumph ebensowenig Abbruch wie das Ende des Regens ungefähr 3 Minuten später.

Pünktlich zum 12-Uhr-Schlag erreichte ich die Kirche Samt’Agata hoch über Cannobio und — noch wichtiger — die Bar El Calisot direkt nebenan.

Ein Hopfengetränk, 2 Panini, einen doppelten Espresso und 20 Minuten später war nicht nur unsere Mittagsrast, sondern auch der Regen vorbei. Auf dem Zusatzschlenker über Traffiume und Sant’Anna konnte nichts mehr schief gehen: Unsere Standardgassistrecke zahlreicher Cannobio-Urlaube.

Es war komisch: unspektakulär, weil völlig vertraut. Aber auch ungewohnt, weil die beste Ehefrau von allen nicht hier, sondern zu Hause war.

Luis‘ Tempo schien anzuziehen, mit entspannt wippenden Ohren trabte er Richtung Cannobio Downtown. Auf dem üblichen Gassiweg über die Ponte Ballerino, an der Friedhofsmauer entlang, durch die schmale Gasse mitten in die Altstadt.

 

 

Hier fand eines der aufwendigsten und anstrengend sind Experimente in der Geschichte der Tierpsychologie statt — dazu jedoch in einem anderen Beitrag mehr.

Weiter geradeaus immer Richtung See, unten am Ufer rechts abbiegen bis ganz zum Ende, dann hatten wir unser B&B La Darsene erreicht.

Nach 20 Uhr Tagesetappen ungefähr 450 km und geschätzten 10000 Höhenmeter sind wir da angekommen, wohin mir im Juli 2016 gestartet sind. Was eigentlich als absurde Idee entstand, war im Rückblick gar nicht so schwierig: Man muss halt anfangen und nicht vor dem Ziel aufhören. Irgendwann ist man und hund da.

Was bleibt sind viele Erinnerungen, großartige Natur, schöne Hotels, gute Essen und der Dank an diejenige, dem ich auf diese scheinbar absurde Idee gebracht hat hatte.

Grazie mille!

Abendessen: EraOra — eine der besten Pizzen und gastfreundlichsten Gastgeber, die ich in Cannobio kenne. Da konnte ich meine jahrelange Erfahrung bestens nutzen.

Am Nebentisch: Österreichische Jammerlappen, die offensichtlich nach Cannobio entführt und mit Waffengewalt zum Pizzaessen gezwungen worden. Wenn man aus negative Energie Strom generieren könnte, hätte der Tisch ein halbes Atomkraftwerk ersetzt.

Ich ließ mich davon nicht irritieren, genoss Insalata mista, Pizza mit Büffelmozzarella, Vino rosso, Grappa bianco, Espresso doppio und den Abend… Perfetto!

Tagesbilanz: 14,3 Kilometer, 538 Höhenmeter, 4,3 Stunden
Gesamtbilanz ab Faido: 113,1 Kilometer, 2686 Höhenmeter, 34,2 Stunden

Ein Gedanke zu „Via Cannobio 6: Brissago — CANNOBIO“

  1. Herzlichen Glückwunsch, eine stolze Leistung! Ich mag das Foto mit Luis über die Bausstellenskizzen. Hier scheint sich Luis, wie in einem Comic, Gedanken über den weiteren Wegverlauf zu machen 😉 LG und noch viel Spaß mit der Bonusstrecke

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