Via Cannobio 5: Locarno — Brissago


Heute lag eine gemütliche Etappe vor uns: Keine 20 Kilometer und theoretisch ziemlich flach am See entlang. Dachte ich. Doch die Praxis zeigte der Theorie mal wieder, dass sie nur Theorie ist. Und am Ende des Tages zeigte mir Konrad Adenauer Komma wie man im Tessin richtig wandert.

Im Frühtau zur Madonne (del Sasso) wir zieh’n

Das Frühstück im Hotel Millenium war ebenso großartig wie der Ausblick aus dem Frank-Sinatra-Zimmer. Es fiel schwer, zu packen und weiter zu ziehen. [Noch schwerer fiel es Luis, der an der Rezeption noch ein Abschieds-Leckerchen geschnorrt hatte.]

Dennoch: Wie geplant begann der Tag mit dem Aufstieg zur Madonna del Sasso. Von weitem sieht sie nur aus wie eine Kirche auf am Berg. Aus der Nähe — besonders wenn man zu Fuß hinauf klettert — wird aber erst deutlich, wie gewagt sie auf dem Fels (also known as Sasso) thront.

Die Fußlahmen unter den Gläubigen wählen die Standseilbahn, die kam daher für mich (noch?) nicht in Frage. Ich beschränkte mich darauf, die Bahn beim Hinaufrumpeln zu beobachten.

Endziel im Visier und Abstieg in die Tiefe

Von dort oben hat man nicht nur einen schönen Blick auf Locarno, sondern — Überraschung — auch auf das Hauptziel meiner Wanderung, die vor eindreiviertel Jahren in Balingen begann: Cannobio in Sicht!

Vorher musste ich aber noch nach Ascona, also wieder 200 Meter nach unte. Was bei der Planung wie ein gemütlicher Weg abwärts aussah, war in der Realität ein alpin anmutender Steig, der als Direttissima geradewegs in die Tiefe führte. Da war die Bergetappe vom Sonntag geradezu ein gemütlicher Spaziergang.

Die Wahrheit: Grotto chuiso

Ursprünglich hatte ich geplant, Ascona über den Monte Verita anzusteuern, doch in Wahrheit war mir das zuviel Monte. Außerdem wollte ich pünktlich um 12 Uhr ankommen, um idealerweise im Grotto Baldoria zu Mittag zu speisen.

Tatsächlich kann ich pünktlich um 12 Uhr an, doch zwei Tage zu früh: Das Grotto macht nämlich erst übermorgen auf. Egal. Direkt an der Uferpromenade nahm ich ein typisches tessiner Essen zu mir: Hühnerfleisch mit grünem Curry.

Nur noch kurz nach Brissago (harhar)

Danach lag nur noch ein vermeintlich entspannter Weg nach Brissago vor mir, der auf der alten Uferstraße startete — aus Kindertagen noch als Hauptverkehrsstraße mit Stoßstange an Stoßstange in Erinnerung. Heute hingegen: Kein einziges Auto, nur ein paar wenige Radfahrer und Fußgänger.

Von der richtig echten, sehr stark befahrenen Straße nach Cannobio bogen wir zum Glück schnell ab. Abbiegen heißt hier den Berg hinauf. Viele Treppenstufen führen mich nach oben, vorbei an mondänen Villen und Treppenliften der XXL-Klasse.

Dann teilte sich der Weg, zur Auswahl stand eine relativ eben verlaufende Straße oder der aufwärts strebende Sentiero Romana. Ich wählte natürlich letzteren, nicht ahnend, dass die Römer offensichtlich ein exzessives Faible für Treppenstufen hatten:

Das erinnerte mich an die Stairways to Hell hinauf zum Hörnli oder auf den Etzel, die ich witzigerweise vor genau einem Jahr auf der Via Jacobi verflucht eher negativ bewertet hatte. Irgendwann hatte ich 400 Meter Meeteshöhe erreicht und konnte den Blick zurück auf Ascona unten am See genießen. Ich hatte es geschafft. Dachte ich.

Wieder teilte sich die Straße, diesmal in 3 Alternativen:

  • Links hinunter
  • Rechts hinauf
  • In der Mitte eben.

Ich wählte die vermeintlich goldene Mitte, doch die hatte ihre Ebenhaftigkeit nur boshaft vorgetäuscht: Die Straße führte bergauf, bergauf, bergauf, bergauf…

Doch umdrehen wäre sinnlos gewesen, also schnaufte ich einem alten Dampfross gleich trotzig nach oben. Aus Jugendschutzgründen möchte ich meine Kommentare zur Schweizer Straßenführung hier nicht wiedergeben, aber ein unbekannter Graffitikünstler muss Ähnliches empfunden haben:

Dann endlich, auf sagenhaften 536 Metern, war nicht nur der Höhepunkt, sondern auch eine perfekt platzierte Sitzbank erreicht. Wenn das mal keine ideale Gelegenheit für eine Pause war…

Mit „CDU“ geht’s steil abwärts

Von Panorama und Schwarzwälder Bio-Landjägern neu motiviert startete der Zieleinlauf nach Brissago. Dabei machte ich mir den Wahlkampfslogan von Konrad Adenauer zu eigen:

Er musste es ja wissen, schließlich war er oft genug im Tessin zu Gast (» Zeitgenössischer Spiegel-Artikel von 1956). „CDU“ hieß für mich allerdings consequent und direkt nach unten: Bei jeder Weggabelung und jeder Abzweigung wählte ich jenen Weg, der schnurstracks in die Tiefe führte. Das brachte zahllose anstrengende Treppenstufen mit sich, aber sicher ist sicher.

Benvenuti a Brissago, Morettina e Graziella

Dergestalt erreichte ich fehlerfrei und schnell die Hauptstraße von Brissago, die mir von zahlreichen Durchfahrten Richtung Cannobio wohlbekannt war.

Jetzt waren es nur noch wenige Meter zum Hotel Morettina, wo ich wieder sehr freundlich empfangen wurde. Das Zimmer (im vierten Stock!!!) war erneut ein Glücksgriff: Seeblick soweit das Auge reicht. Und das reicht sehr weit.

Vor dem Abendessen war Kassensturz angesagt: Morgen früh verlassen wir das Schweizer-Franken-Land, die Stutz mussten also nur noch fürs Hotel und eben fürs Abendessen reichen.

Erfreuliches Ergebnis: Wir konnten der Empfehlung der Empfangsdame folgen und das Restaurant Graziella an der Uferpromenade besuchen. Ja, es gibt in Brissago tatsächlich eine Uferpromenade!

Die Empfehlung war gerechtfertigt: Kleines feines Restaurant mit Blick aufs „Meer“, gute Küche und ein Stück Salami für „Luigi“. Für mich gab es einen gemischten grünen Salat, weißen Merlot, Bodensee Lago-Maggiore-Felchen mit Spinat und — weil die Felchen in Butter schwammen — aus medizinischen Gründen noch einen finalen Grappa.

Einziger Wermuts Wehmutstropfen: Da ich heute zweimal kulinarisch zugeschlagen habe, werde ich meine morgigen Essenspläne kritisch überdenken müssen.

Apropos morgen: Der Rest nach Cannobio ist lächerlich kurz, nur ungefähr 10 km (entspricht zwei durchschnittlichen Gassigängen). Allerdings werde ich diverse Höhenmeter einhäkeln, um der stark befahrenen Uferstraße zu entgehen. Vielleicht kostet mich das so viel Energie, dass doch noch ein gutes Mittag- und/oder Abendessen notwendig ist.

Tagesbilanz: 17,8 Kilometer, unerwartete 675 Höhenmeter, 6,9 Stunden
Gesamtbilanz ab Faido: 98,8 Kilometer, 2148 Höhenmeter, 29,9 Stunden

2 Kommentare zu „Via Cannobio 5: Locarno — Brissago“

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