Via Jacobi 2022: Genthod — Genève (mit Hund)

Gestern war ein etwas längerer Tag und für heute war mäßiges Wetter angekündigt. Das waren gute Gründe, die Kurzetappe von Genthod — Genève vorzuziehen. Sie ist für Naturfreunde und Ruhesuchende (aka Luis) nicht gerade das Highlight der Via Jacobi, doch am Ende wurde es wieder ein sehr gelungener Tag.

Am Bahnhof von Versoix erwartete mich ein ungewöhnliches Schauspiel (Schweizer Uhr widerspricht der SBB….) sowie der Zug nach Genthod,

Ab dort verlief der so genannte Wanderweg parallel zu den Bahngleisen. An einer Stelle hatte ich

  • links neben mir Züge,
  • über mir startende Flugzeuge und
  • unter mir die A1.

Da hätte nur noch ein Schifffahrtskanal gefehlt, dann hätte ich alle Verkehrsmittel an einem Fleck beieinander gehabt…

Beim Bahnhof Chambésy hatte ich die Via Jacobi kurz verloren, zu sehr hatte ich mich von dem schnurgeraden Weg ziehen lassen und/oder die minimalinvasive Wegkennzeichen übersehen. Doch » wanderland.ch brachte mich (wieder mal) auf die richtige Spur, leicht bergauf nach Monthoux, wo unter das kleine, unscheinbare Kirchlein Sainte-Pétronille an der Straße steht und auf Jakobsweg-Pilgernde wartet.

Kirche und ihre Vorgängerbauten haben in den letzten 500 Jahren unglaublich viel erlebt: Mehrmals zwischen katholisch und protestantisch sowie CH und F hin- und hergependelt und zeitweise auch noch ein atheistischer „Temple de la Raisin“. Übrigens: Vergesst in dieser Region deutschsprachige Wikipedia, dort wird das Kirchlein nicht mal erwähnt. In Französisch werdet Ihr fündig (» Église Sainte-Pétronille de Pregny-Chambésy), mit entsprechenden Übersetzungshelferlein sind die sehr ausführlichen Infos auch in Deutsch hinreichend gut lesbar.

Die nächsten „Highlights“ waren der Park des Chateau de Penthes (endlich ein paar Dutzend Meter auf ungeteerten Wegen im Grünen mit Seeblick) und eine riesige Sanduhr (deren Laufzeit mich brennend interessieren würde). Im weiteren Verlauf ging es bergab Richtung See, entlang einer fünfspurigen Straße, bis ein unscheinbarer Miniaufkleber den Jakobswegler Richtung Wasser schickt. Wo er wieder umkehren kann, falls er mit Hund wandert.

Etwa einen Kilometer lang trotteten wir entlang der Genfer Ein- und Ausfallschneise entlang — besonders für Luis eine Plage. Dann endlich hatten wir das riesige WTO-Gelände in bester Premium-Seelange passiert und durften ans Wasser. Endlich war es ruhiger und grüner um uns herum, Zeit für eine schattige Pause mit Blick zurück Richtung Versoix und voraus in Richtung Tagesziel.

Die folgende Uferpromenade war sehr sonnig, sehr breit und sehr bevölkert; zahlreiche Flaneure und Jogger nutzen offensichtlich die Mittagspause, während wir uns um die menschlichen Pylonen Richtung Genève Downtown schlängelten. Dort Luxus pur: Beau Rivage, Ritz Carlton, Schmuck- und Uhrengeschäfte mit diskreten Herren mit Knopf im Uhr neben der Eingangstür und in bester Lage natürlich die Deutsche Bank. Calvin hätte sicher seine Freude daran zu sehen, wie demütig die Menschen die bescheidenen Früchte ihrer harten und eigener Hände Arbeit unter das Volk bringen…

Hindurch durch das dekadente Gewimmel strebten wir zur Kathedrale und wurden sofort belohnt: Dort fanden wir ein überraschend schönes, ruhiges und schattiges Plätzchen für eine längere Pause.

Und wie zurück nach Versoix? Die SBB-App offerierte neben zahllosen Zügen ein Schiff, dass in 2 Stunden führe. Gut, dass ich das Plätzchen entdeckt und ein Buch im Rucksack hatte. Luis hatte zwar nichts zum Lesen dabei, konnte die Zeit aber trotzdem gut mit Dösen und Spatzenbeobachten überbrücken.

Die Kathedrale wollte natürlich auch noch besucht werden. Außen und innen zurückhaltend — das war hier nicht anders zu erwarten. Ich muss aber zugeben: Da war die barocke Pracht in Einsiedeln aber ein ganz anderes Kaliber — und aus Sicht eines historischen Pilgers sicher besseres Marketing als schlichte Bescheidenheit…

Kurz vor Abfahrt des Schiffes meldete sich leichter Hunger. Gut, dass es direkt über der Anlegestelle Crepes gab. Noch besser, dass Luis von der Creperieexpertin zwei Crepes Jambon (ohne Crepes) spendiert bekam (während ich meinen Crepe Jambon avec Gruyere bezahlen musste). Das Publikum (die anderen Gäste) hatten viel Spaß an dem schmachtenden Blick Richtung Madame Crepe. Noch mehr Spaß hatten sie, als wir zum Schiff mussten und Luis offensichtlich Besseres zu tun hatte.

Die Schifffahrt war windig-kühl und sehr angenehm; Hund und Mensch ließen sich auf der Bugseite den kalten Fahrtwind um die Nase wehen. Das Schiffspersonal hatte ich zwar freundlich vor dem zugigen Wetter „gewarnt“ — trotzdem habe ich gerne auf den warmen Innenraum verzichtet. Der war nämlich akustisch und platzmäßig von einer lautstarken Rentnertruppe mit ruhrpöttlerischen Wurzeln okkupiert, die ich Luis (und mir) heute nicht auch noch zumuten wollte.

Hinter uns brauten sich düstere Wolken zusammen, vor uns lag der sonnige Genfersee. Zum Glück waren wir schneller als die Wolken und zum Glück passierten wir gerade noch den Jet d’eau, bevor er (vermutlich wegen des starken Windes) abgestellt wurde.

Am frühen Nachmittag legten wir in Versoix an. Dort stellte ich erfreut fest, dass das Hotel nicht nur nah am Bahnhof, sondern auch nah an der Anlagestelle lag. Daher nur ein Katzen- bzw. Hundesprung bis in Luis‘ Körbchen.

Abendessen? Da hatte ich nach dem gehaltvollen Jambon-Gruyere-Crepe viele » Zweifel. Mit Salz und Vinegar ;-). Und Luis seine wohlverdiente Ruhe.

4 Kommentare zu „Via Jacobi 2022: Genthod — Genève (mit Hund)“

  1. Schön verfasster Bericht. Nun weiß ich, dass ich durch meine Zugfahrt von Versoix nach Genf nicht viel verpasst habe. Auf der Strandpromenade bin ich später noch spaziert (Bericht folgt). Mit dem Schiff wollte ich auch gerne einmal fahren, aber es gab noch den Winterfahrplan mit nur zwei Verbindungen am Tag, und das passte nie. Erstaunlich war, dass bei dem windigen Wetter während der Schifffahrt der Jet d‘ Eau noch lief. Als ich dort war, wurde er regelmäßig nachmittags abgestellt, angeblich wegen zu starkem Wind 😉.

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