Via-Cannobio-Vorbereitungen: Zahlenspiele


„Das Thema ‚Gepäck‘ ist also weitgehend abgehakt“, hatte ich vor gut zwei Wochen behauptet (» Via-Cannobio-Vorbereitungen: Das Gepäck). Nicht ganz, denn einige Kleidungsstücke und Zubehörteile mussten ersetzt werden. Das war ein guter Anlass, konsequent auf Gewicht zu achten und durch Zahlenspiele auf völlig neue Erkenntnisse zu kommen.

Klamottenkauf „leicht“ gemacht

Beim Kauf von Kleidung „konsequent auf Gewicht zu achten“ ist nicht einfach: Der lokale Einzelhandel ist auf diese Fragestellung nicht vorbereitet, auch das große A ist keine große Hilfe.

Fündig geworden bin ich bei Bergfreunde.de, in deren Online-Shop (fast) jeder Artikel mit Grammangaben und weiteren sinnvollen Infos versehen ist. Nebenbei: Der Firmensitz der Bergfreunde ist keine 30 Kilometer entfernt. So unterstützt man — trotz Online-Shopping — den heimatnahen Handel und keine Riesenkonzerne, die sich mit windigen Konstruktionen unfaire Steuervermeidungen erschleichen.

Faire Gewichtsvermeidung „erschlich“ ich mir durch die Lightweight-Klamotten von Patagonia, wo ein Funktionsshirt z.B. gerade mal 75 Gramm wiegt. Eine Fleecejacke von Jack Wolfskin verschafft fast 200 Gramm Erleichterung gegenüber der alten — und ist durch ihre weniger schrille Farbe auch noch alltagstauglicher.

Gewichtsersparnis: Grob geschätzt ein halbes Kilo.

Zahlenspiele: Wenn der Rucksack pro Lightweigth-Shirt 70 Gramm leichter wird, muss ich nur 172 Shirts einpacken, damit der 12-kg-Rucksack in der Luft schwebt. Leider habe ich viel zu wenig Urlaub für eine 172-tätige Wanderung, sodass ich nie in den Genuss eines sich selbst tragendenden Rucksacks kommen werde.

 

Auf des Messers Schneide

Ich bin kein Messser-Fetischist und trage nicht tagein tagaus ein Taschenmesser mit mir spazieren, um es einmal im Monat theatralisch auseinanderzufalten, weil der echte Flaschenöffner/Korkenzieher/Schraubenzieher nicht in Griffweite liegt. Doch unterwegs kann auch ich nicht auf ein Schneidwerkzeug verzichten, wie dieses Foto von der Via Jacobi zwischen Fischingen und Jona eindrucksvoll beweist:

 

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Ohne Schweizermesser nicht essbar: Pilger- und Hörnlikäse beim Pilgern auf dem Hörnli

Das bisherige Taschenmesser hatte zu viele Features und ist nur noch eingeschränkt verwendbar, deshalb musste Ersatz her. Wie lässt sich das gewichtig optimieren? Gerne lasse ich an meinem komplexen mehrstufigen Entscheidungsprozess teilhaben:

  1. Statt eines schweren Taschenmessers nehme ich ein einfaches Küchenmesser mit (80 Gramm leichter), da ich das Messer ohnehin in der Vesperbox aufbewahre.
  2. Wozu eigentlich eine Vesperbox? Für die richtige Marschverpflegung ist sie viel zu klein. Und ich nehme extrem selten druckempfindliche Sahnetörtchen oder Sushi-Röllchen mit, die einer massiven Plastikbox geschützt werden müssten.
  3. Deshalb kann ich die Vesperbox (80 Gramm Leergewicht) durch die Allzweckwaffe Zipper-Beutel ersetzen (< 10 Gramm).
  4. Allerdings: Das offene Küchenmesser würde den Beutel sofort aufschlitzen. Oder meine Finger, wenn ich im Rucksack herumtaste, um das Messer zu finden.
  5. Also doch ein Taschenmesser. Ehrensache, dass nach der Wanderung durch das Swiss Knife Valley und nach Gotthard-Überquerung nur ein Schweizermesser von Victorinox in Frage kommt.
  6. Sehr beeindruckt hat mich das Spitzenprodukt Swiss Champ XAVT: Ein 350-Gramm-Prügel mit 82 Funktionen.
  7. Nach intensivem Nachdenken reifte die Erkenntnis, dass ich Druckkugelschreiber, Fischentschupper, Pharmaspachtel und Uhrengehäuseöffner ebenso selten brauchen werde wie 20 verschiedene Bits und Torx und Innensechskantschlüssel.
  8. Also ein spartanisches Modell: Das Spartan hat alles, was ich brauche und wiegt nur 60 Grämmchen.

Gewichtsersparnis: Über 100 Gramm (leichteres Messer + Zipper statt Vesperbox)

Zahlenspiele: Das „Spartan“ bietet 12 Funktionen für 19 Franken, während beim „Swiss Champ XAVT“ 82 Funktionen schlappe 444 Franken kosten. Das sind beim „Spartan“ 1,58 Franken pro Funktion gegenüber 5,41 Franken für jede Funktion des „Swiss Champ“. Das „Spartan“ liefert also (pro Franken) das Dreieinhalbfache an Funktionen und ist damit deutlich weniger spartanisch als der gar nicht so siegreiche „Champ“.

Leicht gängiges Schuhwerk

Auch mein Schuhwerk verlangte nach Erneuerung: Mehrere hundert Kilometer Schwarzwald-QuerwegAlpenüberquerung und die bisherigen 360 km von Balingen über den Gotthard bis Faido haben viel Sohle und Dämpfung gekostet.

Vor allem die fehlende Dämpfung würde kritisch werden, wenn zwischen Faido und Cannobio viele geteerte Kilometer lägen. Wie praktisch, dass nur 60 Meter Luftlinie vom heimischen Sofa entfernt ein feines, kleines Schuhgeschäft liegt: Gute Beratung, guter Service — und man darf die Schuhe seiner Wahl sogar zur Auswahl mitnehmen und zuhause probelaufen.

Der Schuh meiner Wahl war ein Lowa Innox GTX Mid (was immer das heißen soll): Relativ leicht, mir und meinen Füßen bereits bekannt und glücklicherweise immer noch im Sortiment. Sie scheinen mir für die überwiegend flache und urbane Via Cannobio für genau richtig und sind gegenüber meinen bisherigen klobigen Hanwag-Bergstiefel 600 Gramm leichter.

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Undank ist der Bergstiefel Lohn: Im September noch über die Alpen, jetzt ausgemustert

600 Gramm weniger — an den Beinen, aber nicht im Rucksack. Allerdings werde ich dank der leichten und halbwegs „dezenten“ Lowas (vielleicht) auf die Crocs verzichten. Die hatte ich bisher für abendliche Gassigänge und Restaurantbesuche im Rucksack mitgeführt, was ich mir jetzt (vielleicht) ersparen werde.

Gewichtsersparnis: Etwa 150 Gramm

Zahlenspiele: Leichtere Schuhe machen das Gehen leichter: Bei jedem Schritt muss ich jetzt 300 Gramm weniger vom Boden abheben, nach vorne schwingen und wieder auf den Boden setzen. Bei einer geplanten Gesamtstrecke von 106 Kilometner und 80 cm Schrittlänge ist das immerhin 132.500 mal abheben, schwingen und absetzen. Wäre eine interessante Physik-Aufgabe: Wieviel Energie und Leistung braucht das bei durchschnittlichen 5 Kilometern je Stunde?

Projektziel „Breaking10“: Großer Erfolg oder Luxusballast?

Ich habe es geschafft: Das Startgewicht meines Rucksacks ist liegt mit genau 9985 Gramm unter der magischen 10-kg-Marke (inkl. Etappenration an Wasser und Vesper und gültig für durchschnittliches Frühlingswanderwetter). Unter 10 Kilo! Für über eine Woche Aktiv-Urlaub! Damit ist das Projekt „Breaking10“ erfolgreich umgesetzt.

„Waaaas? 10 Kilo? Und nicht mal ein Zelt dabei? Unnötiger Ballast und Luxuskram…“ höre ich die Weit- und Leichtwanderprofis mitleidig staunen. Es ist eben alles relativ. Doch wenn Ultraleicht-Blogs mit „Stinken ist okay“ zum Verzicht auf Seife & Co auffordern, dann gönne ich mir halt doch den Luxus, insgesamt 100 g für Seife / Deo / Zahnpasta mitzuschleppen.

Der eine (ich) trage des anderen (Luis‘) Last

Was ist also mein wahres Luxusproblem? Ganz zufällig herausgegriffene Punkte der Packliste enthüllten die ganze Wahrheit:

  • Wasser (Hund): 500 Gramm
  • Flasche (leer): 50 Gramm
  • Hundefutter: 1875 Gramm
  • Microfaserhundetuch 70×140: 225 Gramm
  • Maulkorb: 80 Gramm
  • Microfaserhandtuch 40×80: 75 Gramm
  • Futternapf: 40 Gramm
  • Hundetüten: 21 Gramm
  • Hundeausweis: 5 Gramm

Gewichtsersparnis Zusatzgewicht: 2871 Gramm

Was lernen wir daraus? Knapp 30% meines Gepäcks ist Luis‘ Ballast. Sein Gepäck wiegt mehr 14% seines Körpergewichts, bei mir sind es deutlich unter 10%! Der wahre Luxuswanderer ist also Luis — Kunststück, wenn der hundsteuerzahlende Sherpa alles schleppt…

Zahlenspiele: Wenn ich die Preise für neue Klamotten, Taschenmesser und Schuhe durch ihre Gewichtseinsparung dividiere, komme ich auf Kosten von 78 Cent pro eingespartem Gramm*. Die 2871 Gramm Luis-Ballast entsprichen also einem Gegenwert von 2247,84 Euro. Da fallen die Extrakosten für Luis‘ Fahrkarte (2 x 15 EUR) und Hundezuschlag bei den Übernachtungen (∅ 10 SFR bzw. EUR / Nacht) kaum noch ins Gewicht.

*Das ist natürlich eine Milchmädchenrechnung Laktosefachpersonenkalkulation, weil ich die Dinge ohnehin gebraucht hätte. Aber nur weil eine Zahl sinnlos ist, muss man auf sie ja nicht verzichten.

Luis but not Last

Mental einfach strukturierte Personen könnten auf die Idee kommen, den Hund einfach zuhause zu lassen, weil die Vorteile klar auf der Hand lägen:

  • 30% weniger Gepäck
  • Keine Extrakilometer für abendliche Gassirunden
  • Keine Extrakosten für Fahrkarten und Übernachtungen

Doch dahinter steckt ein Denkfehler Trump’schen Ausmaßes: Denn warum sollte ich ohne Hund eine Woche lang Gassi gehen? Eben: Gar nicht.

Richtig und weiter gedacht würde ich dann also ganze 100% Gepäck, Kilometer und Kosten sparen — aber auf 1000% Erholung, Erlebnis, Erfahrungen und Erkenntnisse verzichten. Bad deal. So sad.

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Gassi wandern ohne Hund? Bad deal!

 

 

Ein Gedanke zu „Via-Cannobio-Vorbereitungen: Zahlenspiele“

  1. Ich bin nicht so der große Zahlenfan beim Fernwandern, aber die Bergfreunde-Seite werde ich mir genauer ansehen. Danke für den Tipp. Dann bin ich jetzt auf eure Abenteuer auf der Via Cannobio gespannt. Übrigens habe ich heute den ersten Beitrag über meinen Jakobsweg durch Süddeutschland veröffentlicht. Liebe Grüße, Dario 🙂

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